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Foto: Valie Export Center Linz | Fotografie: Violetta Wakolbinger

VALIE EXPORT | 1940-2026

VALIE EXPORT, eine der bedeutendsten und international renommiertesten österreichischen Künstlerinnen der Gegenwart, ist am 14. Mai 2026 in Wien verstorben – drei Tage vor ihrem 86. Geburtstag.

Geboren am 17. Mai 1940 in Linz als Waltraud Lehner, wuchs sie in einem Frauenhaushalt auf: Ihre Mutter war Kriegswitwe, ihr Vater 1942 im Zweiten Weltkrieg gefallen. Nach der Klosterschule der Kreuzschwestern absolvierte sie die Kunstgewerbeschule in Linz, zog 1960 nach Wien und studierte Textildesign. Über die Studienkollegin Ingrid Schuppan fand sie rasch Anschluss an die Künstlerkreise der Wiener Gruppe und des Wiener Aktionismus – dessen Frauenbild sie jedoch entschieden ablehnte.

1967 legte sie ihren Geburtsnamen ab und erfand den ausschließlich in Versalien zu schreibenden Künstlernamen VALIE EXPORT – als Logo, Marke und Konzept zugleich, als Programm des Nach-außen-Tragens ihrer Gedanken. Ihr erstes Objekt war eine Zigarettenpackung mit ihrem Porträt, angelehnt an die Marke „Smart Export".

Was folgte, schrieb Kunstgeschichte: Das Tapp- und Tastkino (1968), bei dem Passanten die durch eine Box verhüllten Brüste der Künstlerin ertasten durften; die Aktionshose: Genitalpanik (1968/69), in der sie mit einer im Schritt offenen Hose und einem Maschinengewehr im Anschlag die männliche Blickordnung herausforderte; Aus der Mappe der Hundigkeit (1968), bei der sie Peter Weibel an einer Hundeleine durch die Wiener Innenstadt führte. In Eros/ion (1971) rollte sie ihren nackten Körper durch Glassplitter, in Hyperbulie (1973) ließ sie sich von Stromschlägen in die Knie zwingen. Der weibliche Körper war ihr Schlachtfeld, ihr Medium und ihr politisches Instrument.

Parallel dazu trieb sie ein avantgardistisches Filmwerk voran: Unsichtbare Gegner (1977), Menschenfrauen (1979) und Die Praxis der Liebe (1984) wurden bei den Filmfestspielen in Berlin gezeigt. 1980 vertrat sie gemeinsam mit Maria Lassnig Österreich auf der Biennale in Venedig. Ihre Werke fanden Eingang in die Sammlungen des Centre Pompidou in Paris, des MoMA in New York und der Tate Modern in London; sie war auf der documenta vertreten und zuletzt Gegenstand großer Retrospektiven in Wien und Berlin.

Als Lehrende wirkte sie an der Hochschule der Künste Berlin, der Kunsthochschule für Medien Köln und zahlreichen internationalen Universitäten. 2017 wurde in der Linzer Tabakfabrik das VALIE EXPORT Center, Forschungszentrum für Medien- und Performancekunst eröffnet; 2024 gründete sie die VALIE EXPORT Stiftung zur Erhaltung und Erforschung ihres Werks.

Zu den Auszeichnungen, die ihr zuteil wurden, zählen der Oskar-Kokoschka-Preis (2000), das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst (2005), das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2010), der Max-Beckmann-Preis (2022) sowie der Prix Ars Electronica als Visionary Pioneer of Feminist Media Art (2020). Den Großen Österreichischen Staatspreis hat man ihr, wie sie selbst sagte, „bis jetzt verweigert" – und das blieb bis zuletzt so.

VALIE EXPORT lebte und arbeitete in Wien.


„Valie Export war eine großartige Künstlerin, Filmemacherin und Feministin. Ihr Werk hat provoziert, bewegt, Generationen in Österreich begeistert und Künstler:innen weltweit geprägt. Mit ihr verliert die Kulturszene eine große Persönlichkeit."

Andreas Babler | Vizekanzler und Kunst- und Kulturminister

„Mit dem Tod von VALIE EXPORT verliert ganz Österreich eine radikale Pionierin der österreichischen Kunst und eine Künstlerin von internationaler Bedeutung. Ihre Arbeit suchte die unmittelbare Reaktion des Publikums, provozierte und hat dazu gezwungen, Perspektiven zu hinterfragen. Wien gedenkt einer Künstlerin, die mutig und unbeirrbar die Grenzen zwischen Kunst, Öffentlichkeit und Politik ausgelotet hat."

Michael Ludwig | Bürgermeister der Stadt Wien

„Das Tapp- und Tastkino (1968) oder Genital Panic (1969) sind nicht nur ikonische Momente der Performancegeschichte, sie sind präzise und radikale Hinterfragungen über Öffentlichkeit, Privatheit, Projektion und die Politiken des Körpers. Bilder und Handlungen, die bis heute verstören. Sie ging vom Individuum aus und traf doch immer die Gesellschaft im Kern."

Veronica Kaup-Hasler | Kulturstadträtin der Stadt Wien

„Mit Valie Export verliert Oberösterreich eine außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit von internationalem Rang. Sie hat mit ihren Arbeiten Grenzen überschritten, Debatten ausgelöst und die Medien- und Performancekunst weltweit geprägt. Ihr Wirken war mutig, visionär und seiner Zeit oft weit voraus."

Thomas Stelzer | Landeshauptmann von Oberösterreich

„Mit großem Bedauern verabschieden wir uns von VALIE EXPORT, dieser unvergesslichen Bahnbrecherin der feministischen Kunstbewegung: Sie war die stilprägende Vorreiterin im Bereich der Aktions- und Medienkunst. Mit ihrem kreativen Schaffen und ihrer Beharrlichkeit in der Herausforderung gesellschaftlicher Normen hat VALIE EXPORT einen erheblichen Einfluss auf die moderne Kunstszene und insbesondere auf die feministische Kunstbewegung ausgeübt. Ihr Werk bleibt ein wichtiger Beitrag zur Erforschung von Identität, Geschlecht und Macht in der Kunst."

Ralph Gleis | Generaldirektor der Albertina

„Sie war sehr betroffen vom unerwarteten Tod Exports, einer langjährigen Wegbegleiterin, von der sie viel gelernt habe. Dazu zählten Mut, Klarheit und Kunst im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu sehen. Export habe sich vollinhaltlich mit ihrem Körper und Intellekt in vielen Medien eingebracht und so die Stellung von Künstlerinnen stark verändert."

Stella Rollig | Generaldirektorin des Belvedere (zit. nach ORF/Ö1)

„VALIE EXPORT war eine der radikalsten und einflussreichsten Künstlerinnen der Gegenwart. Mit ihren provokanten, gesellschaftspolitisch motivierten Aktionen hat sie sich in die internationale feministische Geschichte eingeschrieben. Ihr Werk macht die komplexen Netzwerke von Kunst, Politik und Gesellschaft sichtbar und prägte die Medien- und Performancekunst weit über Österreich hinaus."

mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

„Österreich verliert eine unbeugsame Vordenkerin und eine Ikone der Freiheit. Sie war eine Künstlerin, die sich selbst schuf."

Alexander Van der Bellen | Bundespräsident (via Bluesky)

„Die Aggression war Programm, der Körpereinsatz hoch. Die Künstlerin VALIE EXPORT hat Ikonen der österreichischen Nachkriegskunst geschaffen, Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Viele EXPORT-Produktionen strahlen immer noch die rohe Energie einer ebenso Kompromisslosen wie Hochkreativen aus, die es verstand, ihren Finger in die Wunden der Gegenwart zu legen."

Stefan Grissemann | profil

„Sie war eine Pionierin des feministischen Aktionismus und eine der wichtigsten internationalen Vertreterinnen konzeptueller Medien-, Performance- und Filmkunst. In vielen ihrer Werke lotete sie Grenzen aus, thematisierte die Rolle von Geschlecht, Geschlechterhierarchien und Machtverhältnissen. Sie verstand den weiblichen Körper als Schlachtfeld."

Karen Krüger | Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Eigentlich gehörte dieses Werk, wie überhaupt die Werke von Frauen, die nicht mit Schmutzentfernung, Pflege oder Reproduktion zu tun haben, in eine Art Untergrund, eben diesen klandestinen Strom, der sich, träge meist, unter der herkömmlichen Geschichtsschreibung dahinwälzt."

Elfriede Jelinek | (zit. nach profil)

„Die Tätowierung des Körpers demonstriert den Zusammenhang zwischen Ritual und Zivilisation. Der weibliche Körper streift ab, wirft weg den Stempel einer Welt, die bis jetzt nicht die Welt der Frau war, um zu einer menschlichen Welt zu kommen, in der sie ihre weibliche Existenz selbst bestimmen kann."

VALIE EXPORT | (aus einem Werktext, zit. nach mumok)

Weiterführende Links
valieexport.at
VALIE EXPORT Center Linz
mumok Online-Sammlung